Immer weniger Menschen wollen abnehmen
Geprägt vom britischen Magermodel Twiggy, war der Hunger-Look in der weiblichen Bevölkerung jahrzehntelang en vogue. Inzwischen scheint er wieder aus der Mode zu kommen. Das dürften nicht zuletzt jene Frauen als Erleichterung empfinden, die sich trotz zahlloser Abmagerungsversuche immer weiter von der Bikinifigur entfernen.
Neuen Beobachtungen zufolge könnten die Vorstellungen, welche Körpermaße dem Ideal entsprechen, sogar ins Gegenteil umschlagen. Denn eine wachsende Zahl von Dicken unternimmt offenbar keinerlei Anstrengungen mehr, die angegessenen Pfunde wieder abzuhungern. Hinweise darauf liefern die Ergebnisse einer Analyse, der die Daten einer großen amerikanischen Bevölkerungsstudie – des in den 1970er Jahren begonnenen National Health and Nutrition Examination Survey – zugrunde liegen. Wie Kassandra Snook von der Georgia Southern University in Statesboro und die anderen Studienautoren im „Jama“ ausführen[1], wurde der Anteil an Übergewichtigen und Dickleibigen über die Jahrzehnte hinweg immer größer.
Zwischen 1988 und 1994 lag er bei 53 Prozent, stieg dann in den Erhebungsjahren 1999 bis 2004 auf 62 Prozent an und erreichte in der Untersuchungsperiode 2009 bis 2014 66 Prozent. Damit einhergehend sank die Bereitschaft der pummeligen und adipösen Versuchspersonen, sich von ihren überflüssigen Kilos zu trennen. Hatten im ersten Erhebungszeitraum noch 56 Prozent der beleibten Teilnehmer angegeben, im Jahr davor einen Abspeckversuch unternommen zu haben, waren es zwischen 2009 und 2014 lediglich noch 49 Prozent.
Fehlgeschlagene Diäten, keine Stigmatisierungen
Weshalb zunehmend weniger Dicke bereit sind, ein paar Pfund abzunehmen, geht aus der Untersuchung nicht eindeutig hervor. Den Forschern zufolge könnten vorausgegangene Diät-Fehlschläge eine Rolle spielen. Denkbar ist freilich auch, dass Dicke – zumal in den Vereinigten Staaten – heute keine Stigmatisierung mehr befürchten müssen. Trägt das Gros der Bevölkerung Kleidergröße XXL, wird Korpulenz zur Norm – und womöglich irgendwann zum Schönheitsideal. Kommen dann noch die Wissenschaftler und reden den Super-Dicken ein, sie hätten dank des Adipositas-Paradoxons einen Überlebensvorteil, muss man sich über den mangelnden Abspeckwillen der fettleibigen Bevölkerung nicht wundern.
Sollten alle Stricke reißen, gibt es immer noch die Chirurgen. Denn Magen-Darm-Bypässe lassen nicht nur die Pfunde purzeln, sie bessern oder verhindern teilweise auch die Folgen der Adipositas, darunter Diabetes und Herzschwäche – freilich meist nur vorübergehend und begleitet von teils erheblichen Nebenwirkungen. Die Zahl solcher Eingriffe nimmt seit geraumer Zeit erheblich zu.
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